{"id":26687,"date":"2025-10-01T10:08:20","date_gmt":"2025-10-01T10:08:20","guid":{"rendered":"https:\/\/derbeamte.de\/?p=26687"},"modified":"2025-10-01T10:08:20","modified_gmt":"2025-10-01T10:08:20","slug":"ein-geschenk-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/derbeamte.de\/?p=26687","title":{"rendered":"Ein Geschenk der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Je nach ideologischem Blickwinkel der Betrachtenden, damals wie heute, war es eine Vereinigung oder ein \u201eAnschluss\u201c, wie auch die Antwort auf die Frage, ob die vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen \u201ebl\u00fchenden Landschaften\u201c in den ostdeutschen L\u00e4ndern tats\u00e4chlich auch erwachsen sind. Als Ostdeutscher aus der Umgebung der Bitterfelder Braunkohletagebaue und Chemiekombinate kann ich Ihnen und Euch sagen, sie sind!<\/p>\n<p>Aus dem Staub zerfallener Innenst\u00e4dte, dem Dreck maroder Industrieanlagen sowie dem Schlamm vergifteter Fl\u00fcsse und Tagebaue entstanden im Osten, \u00fcber all die Jahre seit der Einheit, innerst\u00e4dtische und landschaftliche Schmuckst\u00fccke aber auch moderne Industriebetriebe, die allerdings nicht mehr f\u00fcr jede und jeden eine Besch\u00e4ftigung bieten konnten. Beg\u00fcnstigt durch ideologische Spalter, tr\u00fcbte dann die Unzufriedenheit \u00fcber die pers\u00f6nliche Situation hier und dort den Blick auf das Erbl\u00fchen Ostdeutschlands. Angesichts des Verlustes seines Arbeitsplatzes oder vielleicht auch des zu DDR-Zeiten entbehrungsreich instandgehaltenen Hauses und Hofes an einen Alteigent\u00fcmer aus dem Westen sowie andere systembedingte Einschnitte und Br\u00fcche im Lebenslauf, dem pers\u00f6nlichen Umfeld oder aufgrund wirtschaftlicher Unbedarftheit, ist die kritische Betrachtung dieser Zeit und ihrer Folgen an der ein oder anderen Stelle sogar nachvollziehbar und verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Und von einem \u201eAnschluss\u201c kann man schon deswegen nicht sprechen, da die Ostdeutschen nach der Friedlichen Revolution im Herbst 1989, der erzwungenen Streichung des kommunistischen F\u00fchrungsanspruches in der DDR-Verfassung sowie der erk\u00e4mpften ersten freien Volkskammerwahl, am 18. M\u00e4rz 1990 mehrheitlich f\u00fcr Parteien stimmten, die sich bereits zu diesem Zeitpunkt offen gegen weitere sozialistische Experimente oder eine \u201ebessere DDR\u201c (wie auch immer die funktionieren sollte) gewandt hatten und stattdessen f\u00fcr eine schnelle Wiedervereinigung eintraten. Der sp\u00e4tere SPD-Bundesinnenminister Otto Schily war es, der noch an diesem Wahlabend in der ARD den ostdeutschen W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern daf\u00fcr eine Banane vorhielt und ihre Wahlentscheidungen f\u00fcr die \u201eAllianz f\u00fcr Deutschland\u201c aus CDU, DSU und DA schnodderig ver\u00e4chtlich machte, indem er diese auf einen materiellen Beweggrund reduzierte. F\u00fcr viele Ostdeutsche damals das erste Symbolbild westdeutscher Arroganz, des \u201eBesser-Wessis\u201c.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr uns, damals noch Jugendliche, waren diese Umbr\u00fcche pr\u00e4gend. Als der Autor mit der Einf\u00fchrung des dreigliedrigen Schulsystems in seiner anhaltischen Heimat zum Schuljahr 1991\/92 auf das neue Gymnasium wechselte, stellten sich in der neuen Klasse alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler vor. Nat\u00fcrlich erz\u00e4hlte man auch etwas \u00fcber seine Familie. Die Ern\u00fcchterung: Jeder meiner Mitsch\u00fclerinnen oder Mitsch\u00fcler, hatte, wie auch ich, mindestens einen Elternteil, der von Arbeitslosigkeit betroffen war. Oftmals zog sich dieses Thema durch die restliche Schulzeit, sorgte bei uns jedoch f\u00fcr die notwendige Motivation unsere schulischen und beruflichen Chancen zu ergreifen, n\u00f6tigenfalls auch in einer anderen Region oder im Ausland. Denn egal in welchem Land oder System, Bildung kann dir keiner wegnehmen!<\/p>\n<p>Ob Aufbauhelfer oder Gl\u00fccksritter, ob genutzte Berufs- und Bildungschancen oder Langzeitarbeitslosigkeit, ob aus dem Schokoriegel \u201eRaider\u201c nun \u201eTwix\u201c wurde und sich ansonsten nur die Postleitzahl \u00e4nderte, der Einigungsprozess lief auf beiden Seiten nicht ohne Ver\u00e4nderungen oder Opfer ab. Mal mehr, mal weniger. Und ja, nat\u00fcrlich sind Ostdeutsche grunds\u00e4tzlich dankbar f\u00fcr die langj\u00e4hrigen Transferzahlungen und die erfahrene Aufbauhilfe in Wirtschaft und \u00f6ffentlicher Verwaltung, auch wenn das, zwecks \u201eMeinungsbildung\u201c in den \u00fcberwiegend aus dem Westen gef\u00fchrten Presse- und Medienh\u00e4usern, oftmals zu kurz kam und, siehe oben, stattdessen Einzelschicksale als emotionaler Beleg f\u00fcr den vermeintlichen Undank der Ostdeutschen oder der \u201eSolidarit\u00e4tszuschlag\u201c auf die Einkommenssteuer (der \u00fcbrigens auch im Beitrittsgebiet eingezogen wurde) als Ursache f\u00fcr den oftmals politisch verschleppten, wirtschaftlichen Strukturwandel in manchen Regionen Westdeutschlands herangezogen wurde.<\/p>\n<p>Ob Ost oder West, ob \u201eneue\u201c oder \u201ealte\u201c Bundesl\u00e4nder, ob Deutschland oder Europa, jede und jeder hat sein pers\u00f6nliches Erleben und seine Sicht auf 35 Jahre Deutsche Einheit. Auch das ist gelebte Vielfalt in unserem Land. Statt daher nur auf die vergangenen Jahre zu schauen und uns \u00fcber die Erfolge und Misserfolge oder die vermeintlich \u201erichtige\u201c Sichtweise auf die Deutsche Einheit und den fortlaufenden Einigungsprozess zu streiten oder gegenseitig zu belehren, sollten wir vielleicht wieder mehr miteinander \u00fcber unsere Zukunft sprechen, \u00fcber Zuversicht und Zukunftschancen aber auch \u00fcber Sorgen und N\u00f6te.<\/p>\n<p>Denn nur gemeinsam k\u00f6nnen wir die anstehenden Herausforderungen der Zukunft durch den demographischen Wandel, den Erhalt der globalwirtschaftlichen Wettbewerbsf\u00e4higkeit und unseres sozialen Wohlstandes, den technologischen Fortschritt sowie die klimatischen Ver\u00e4nderungen bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne w\u00fcnsche ich Ihnen und Euch, auch im Namen des DBB NRW, einen frohen und nachdenklichen Tag der Deutschen Einheit!<\/p>\n<p>Ihr Marcus Michel<br \/> (Referent Public Affairs DBB NRW)<\/p>\n<p>\u200bDBB NRW &#8211; Beamtenbund und Tarifunion Nordrhein-Westfalen\u00a0<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.dbb-nrw.de\/aktuelles\/news\/ein-geschenk-der-geschichte\/\" target=\"_blank\" class=\"feedzy-rss-link-icon\">Read More<\/a>\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je nach ideologischem Blickwinkel der Betrachtenden, damals wie heute, war es eine Vereinigung oder ein \u201eAnschluss\u201c, wie auch die Antwort<\/p>\n","protected":false},"author":0,"featured_media":26686,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-26687","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-dbb"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/derbeamte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26687","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/derbeamte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/derbeamte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/derbeamte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26687"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/derbeamte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26687\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/derbeamte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/26686"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/derbeamte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26687"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/derbeamte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26687"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/derbeamte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26687"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}